WAS MICH BEWEGT
Letzte Woche war in München „Winter-Wonderland“ und ich ging morgens mit meinem Hund in dieser weißen Landschaft spazieren, als ich unbeabsichtigt Beobachterin dieser Szene wurde. Ein Holzschlitten, ein kleiner Junge, ca. fünf Jahre alt, daneben, und eine Mutter mit Handy in der Hand. Sie macht Selfies von sich vor dem Schnee, dann sagt sie zu ihrem Sohn, der gerade versucht, den Schlitten zu wenden: „Komm, wir machen ein Foto von uns im Schnee“.
Dieser verneint. Er sagt nicht nur ein kurzes quengelndes „Nö“ oder „Nee", nein – zu meinem Erstaunen antwortete er in einem sehr klaren und deutlichen Satz: „Nein, ich möchte kein Foto machen“. Darauf reagiert die Mutter, ohne nachzufragen warum der Junge kein Foto machen möchte, mit der bekannten Wenn-Dann-Masche: „Gut, wenn Du kein Foto machen willst, dann will ich nicht mehr Schlitten fahren“. Fazit: Der Junge gab sich geschlagen und ließ die Fotosession über sich ergehen. Es wurden keine Fotos von ihm spielend oder rodelnd im Schnee gemacht, nein, er musste mit der Mutter zusammen in die Kamera schauen und gemeinsame Selfies aufnehmen.
„Da wird sich die Oma aber freuen“ war der abschließende Satz der Mutter. Ich denke, der Oma würde die Freude vergehen, wenn sie wüsste, wie die Bilder entstanden sind - zumindest hoffe ich das. Ich denke, auch Kinder haben ein Recht auf ein NEIN, besonders wenn die Aufforderung oder Anfrage für die Gesundheit oder das Leben des Kindes nicht wirklich wichtig sind.
Natürlich müssen Kinder ein „Nein“ akzeptieren, wenn es um die Regeln des Zusammenlebens geht. „Gehst du jetzt bitte ins Bett“, „Kannst du dir jetzt die Zähne putzen“, „Geh bitte nur an der Ampel über die Straße“… bei diesen Aufforderungen sollte ein Nein tatsächlich nicht akzeptiert werden. Hier findet Erziehung statt. Aber mit welchem Recht wurde bei der „Wir machen ein Foto“-Situation die klare Antwort des Jungen ignoriert? Zumal dieses Bild dann digital geteilt wird. Das Recht am eigenen Bild – es gilt auch für Kinder. Diese haben nämlich Persönlichkeitsrechte altersunabhängig, und damit auch ein Recht am eigenen Bild.
Bis zu einem Alter von sieben Jahren entscheiden die Eltern über Aufnahmen ihrer Kinder. Bereits ab acht Jahren teilen Kinder und Eltern beim Recht am eigenen Bild die Entscheidungsgewalt und ab dem 14. Lebensjahr ist sogar die Einwilligung des Kindes für Aufnahmen notwendig. Das gilt besonders für die Veröffentlichung von Bildern in sozialen Medien oder im Status von Messenger-Diensten wie WhatsApp.
Mehr Infos unter diesen beiden Links:
LINK 1
LINK 2
Über das Posten und Veröffentlichen von Kinderbildern wird inzwischen viel diskutiert, doch über das Aufnehmen noch sehr wenig. Auch hier sollten meiner Meinung nach die Gefühle des Kindes respektiert werden. Zudem macht es für mich einen Unterschied, ob ich reportiere und das Kind beim Spielen oder Spaziergang in natürlichen Situationen aufnehme oder ob ich es zu inszenierten Selfie- bzw. Fotosessions bitte oder gar zwinge. Ein „Nein“ sollte respektiert werden, oder?