Anfang letzten Monats war ich zu einem Interview in Paris und flog am 4. November abends zurück nach München. Um 19.30 Uhr waren wir im Landeanflug über dem Münchner Flughafen, als die Maschine kurz vor der Landung wieder steil nach oben zog. Einige Passagier:innen schrien laut auf – kein Wind, kein Gewitter, also kein Wetter, bei dem man mit einer solchen Aktion rechnet. Erst nach zwei Kreisen, die über dem Flughafen gezogen wurden, meldete sich der Kapitän zu Wort. Er entschuldigte sich für das durchgeführte Manöver und erklärte, dass kurz vor der Landung Drohnen gesichtet wurden und er gezwungen war, die Landung abzubrechen. Der Flughafen würde jetzt für mindestens eine halbe Stunde geschlossen, so die Ausführung des Kapitäns. Flugzeuge, die nach uns hätten landen sollen, würden so lange in der Luft kreisen, doch wir hätten nur noch Kerosin für 20 Minuten und würden den per Luftweg nur zehn Minuten entfernten Flughafen in Nürnberg ansteuern. Betroffenes Schweigen in der Maschine hoch in der Luft. Wenige Minuten später, in Nürnberg gelandet, hört man aufgebrachte Passagier:innen mit den Crewmitgliedern diskutieren. Die Stimme einer Frau ist zu hören, die verzweifelt ruft, sie wolle raus. Ich konzentriere mich auf den Podcast auf meinen Ohren, als eine neue Durchsage des Kapitäns darauf hinweist, dass sie die Maschine jetzt betanken, aber noch nicht wissen, wann wir nach München fliegen. Weiter sagt er, dass eine Gruppe von Passagier:innen das Flugzeug verlassen möchte, um mit dem Bus nach München zu fahren. Diese Möglichkeit würden sie gerade prüfen lassen, es wäre jedoch nur ohne Mitnahme von Gepäck möglich. Man hört weitere Passagier:innen diskutieren und Fragen stellen, einige nehmen über Handy Kontakt zu Angehörigen auf. Ich chatte per WhatsApp mit meinem Mann, von dem ich erfahre, dass das Ankunftsterminal der Lufthansa in München geschlossen wurde und nun viele Abholer:innen an den nahe gelegenen Tankstellen warten und Kaffee trinken. Nach einer halben Stunde erhalten wir Bescheid, dass keine Passagier:innen die Maschine verlassen dürfen und wir jetzt schnellstmöglich die Flugerlaubnis nach München erhalten, damit weitere Fluggäst:innen an Bord Anschlussflüge erreichen können, die in München auf sie warten würden, da der gesamte Flugverkehr jetzt verzögert sei. Es ist fast 22 Uhr, als wir vor München erneut in den Landeanflug gehen. Es herrscht konzentrierte Stille an Bord, auch mich hat inzwischen Angst erfasst. Was ist, wenn tatsächlich gefährliche Drohnen es genau auf diese Maschine aus Paris abgesehen haben, wie einige Passagier:innen an Bord mutmaßten? Wir hatten keinerlei Infos über die Drohnen. Woher kamen sie? Hat man die Urheber:innen ausfindig machen können? Waren es Amateur:innen oder russische Saboteur:innen? Schließlich landeten wir und verließen zügig und geordnet das Flugzeug. Beschäftigt hat mich dann, dass in den Nachrichten dieser Vorfall nie vermeldet wurde. Die Drohnensichtungen am 3. und 4. Oktober mit der verbundenen Flughafenschließung in München waren groß in den Medien. Über diesen Fall wurde weder auf der Polizei- noch auf der Presseseite des Flughafens berichtet. Und das ist, was mich im Nachhinein sehr bewegt. Wie viele Fälle von Drohnensichtungen oder von Cyberattacken auf Unternehmen oder Institutionen gibt es, von denen wir Bürger:innen nie erfahren? Real in der Luft bedroht zu sein, ist ein sehr einschüchterndes Ereignis.
Die Meldung vor wenigen Tagen, am 2. Dezember, zur neuen Einheit für Drohnenabwehr bei der Bundespolizei habe ich natürlich besonders aufmerksam verfolgt. Ich bin dankbar für ausreichend Befugnisse, die eine Abwehr von Drohnen ermöglichen. Auch höre ich sehr genau auf die Äußerungen von Politiker:innen zum Thema Kriegsgefahr in Europa oder Deutschland. Erst am 20. November hat Frankreichs Regierung einen Ratgeber für Krisenzeiten veröffentlicht und der Top-Generalstabschef Fabien Mandon verkündete: Sein „Land muss bereit sein, seine Kinder zu verlieren“.
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Und vor wenigen Tagen rief Nato-Generalsekretär Mark Rutte die Nato-Staaten eindringlich zu verstärkten Verteidigungsanstrengungen auf, um einen von Russland geführten Krieg zu verhindern. Dieser könne von einem Ausmaß sein, wie es „unsere Väter und Großväter“ erlebt haben.
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Während ich das Gefühl habe, dass hier Verantwortliche versuchen, uns über anstehende Bedrohungen in Kenntnis zu setzen, äußern andere Personen im Netz den Verdacht, dass hier Szenarien für die Rechtfertigung hoher Militärbudgets aufgesetzt werden. Ich denke, jeder Cent, der uns eine autarke Verteidigung ermöglicht oder Sicherheit für die Ukraine garantiert, ist es wert, eingesetzt zu werden. Was helfen uns Haushaltsbudgets für soziale innere Themen, wenn wir unser Land, unsere Demokratie, unsere Freiheit nicht nach außen absichern können? Oft denke ich in diesen Tagen an Familien in der Ukraine, die Anfang Januar 2022 ihr Weihnachtsfest feierten. Sie trafen sich mit Verwandten und hatten Festtage wie wir, mit vielen privaten Wünschen. Doch dann, gut sechs Wochen später änderte sich ihr Leben, Russland griff ihr Land an. Die jungen Männer des Landes wurden zum Militär einberufen. Warum wollen so viele Bürger:innen bei uns die massiven weltpolitischen Veränderungen nicht sehen? Warum diskutieren wir über Losverfahren zur Wehrpflicht? Ja, die Politik muss Maßnahmen diskutieren, aber ich vermisse bei der Debatte über anstehende Rüstungsausgaben oder die Wehrpflicht eine ganz andere Diskussion: den Austausch über die Bereitschaft. Sind wir bereit zur Verteidigung? Ich finde, wir Menschen im Land müssen wieder über Werte diskutieren. Was sind denn die deutschen Werte, die es zu verteidigen gilt? Pünktlichkeit und Sorgfalt? Nein, das sind höchstens Tugenden. Werte sind unsere Freiheit, die Freiheit, dass die Würde eines jeden Menschen unantastbar ist, die Freiheit, seine Meinung zu äußern, die Freiheit zu reisen, die Freiheit der Berufswahl, die Gleichstellung von Mann und Frau und ein Recht, das für jede:n gilt, weil unser Rechtssystem ein hoher Wert ist, den es zu verteidigen gilt. Auch unser deutsches Wahlrecht ist ein Wert, ebenso wie der Zusammenhalt, in dem Deutsche stärker sind, als sie oft denken. Das klingt für manche vielleicht wie ein Schüleraufsatz. Doch genau das ist es, was wichtig ist. Nicht im Elfenbeinturm zu diskutieren, sondern mit einfachen Worten am Familientisch oder am Gartenzaun mit Nachbar:innen. Es gilt, jede:n mitzunehmen im Gespräch. Es sind sehr junge Männer, die bereit sein müssen, unser Land zu verteidigen – sprechen wir mit ihnen und auch mit den jungen Frauen. Tradierte Werte der rechten Parteien haben mit den demokratischen Freiheitswerten nichts gemein. Über Werte zu sprechen, das ist mein Wunsch zu Weihnachten. Sich bewusst zu machen, wie gut es uns geht. Und wer sich schwertut mit angeblicher „Deutschtümelei“, der denke einfach an die europäischen Werte – den gemeinsamen Geist, die unschlagbare Kultur.